Alternativen zur Wohnraumversorgung
Die folgenden Ausführungen basieren in Teilen auf einer Bewertung der Wohnraumsituation in Dossenheim, die durch die Firma Ökonsult Anfang 2026 erstellt wurde und anhand erhobener Zahlen belegt, dass basierend auf dem Bedarf keine Neubaugebiete gebraucht werden. Die Ergebnisse lassen sich auf die meisten Gemeinden in der Region übertragen.
In einem Ballungsraum und einer prosperierenden Region wie dem Rhein-Neckar-Kreis besteht grundsätzlich eine hohe Nachfrage nach Wohnraum, die auf ein zunächst begrenztes Angebot trifft, was sich im Preisiniveau wiederspiegelt - und das nicht nur in Schriesheim. Dabei ist das Menge an Wohnfläche in vielen Gemeinden, so auch in Schriesheim, weit stärker angewachsen als die Wohnbevölkerung bzw. die Anzahl der Haushalte.
In vielen Fällen führt der demografische Wandel dazu, dass große Wohneinheiten (z. B. Einfamilienhäuser aus den 1960er bis 1980ern) un- oder untergenutzt sind, da erwachsene Kinder ausgezogen sind und Senioren in den für sie viel zu großen Häusern zurückbleiben. Da in den jeweiligen Stadtquartieren geeignete auf den aktuellen Bedarf (z. B. seniorengerecht, barrierefrei und an gute, bestehende Infrastruktur angebunden) zugeschnittene kleinere Wohnungen fehlen oder das jeweilige Budget übersteigen, finden die Senioren also keine Option für einen Umzug, auch wenn häufig der Wunsch oder zumindest die Bereitschaft besteht.
Durch den demografischen Wandel werden in den nächsten 10-15 Jahren die meisten dieser Einfamilienhäuser frei werden und sollten dann neu bezogen werden, wobei der hohe Bodenpreis zu hohen Kaufpreisen für ältere Häuser führt, die dann auch noch modernisiert werden müssen. Der Neubau von Einfamilienhäusern auf freier Flur löst allerdings nachweislich das Preisproblem nicht, da die Marktpreise durch das Bauen nicht sinken, und da auch der Erwerb eines neuen Hauses nur für Familien im oberen Einkommensbereich überhaupt möglich ist. Insofern geht es darum, vorhandene Häuser erschwinglich zu machen statt zusätzliche, ebenfalls überteuerte, zu bauen.
In so gut wie allen vergleichbaren Gemeinden gibt es nachweislich einen signifikanten Leerstand zu verzeichnen, und das auch über längere Zeiträume, der von Fall zu Fall ganz unterschiedliche Ursachen haben kann.
Statistisch betrachtet erfahren die meisten Gemeinden in der Region einen Zuzug hauptsächlich von Ausländerinnen und Ausländern (z. B. durch Kriege in Syrien, Afghanistan, Ukraine). Diese Zugezogenen stehen hier in der Regel ganz am Anfang eines neuen Lebens und müssen sich dieses zunächst aufbauen, haben also meist nicht die Mittel, große Wohnungen oder Einfamilienhäuser zu beziehen oder gar zu kaufen. Ebenfalls haben junge, aus der Region stammende Erwachsene zunächst einmal Bedarf an günstigen Mietwohnungen als erster eigener Haushalt. Folglich ist der überwiegende Teil der Zugezogenen auf günstigen Wohnraum und kleinere Einheiten angewiesen.
Auf Bundesebene erhobene Zahlen zeigen, dass 82% aller Wohngebäude Ein- bis Zweifamilienhäuser sind. Weitere Häuser dieser Art zu bauen, richtet sich nicht nach dem oben aufgezeigten Bedarf, der bei Senioren, jungen Menschen und Menschen mit niedrigen Einkommen nachweislich besteht.
Es liegt in der Verantwortung der Städte- und Gemeindeverwaltungen, diese Herausforderung durch auf den tatsächlich bestehenden Bedarf ausgerichtete Maßnahmen in der Stadtentwicklung anzugehen. Dies gilt auch für die bis dato ungenutzten Baugrundstücke in der Ortslage, die teilweise für Mehrfamilienhäuser geeignet sind.
Für viele Stadtquartiere bestehen nicht nur in Schriesheim viele Jahrzehnte alte Bebauungspläne und damit Bauvorschriften, die den heutigen Ansprüchen und Möglichkeiten in der Regel nicht mehr gerecht werden. Im Zweifel verhindern Vorgaben zu Baufenstern ein Bauen in der zweiten Reihe auf großen Grundstücken, Vorgaben zu Geschossflächenzahlen oder Traufhöhe eine bessere bauliche Nutzung der Baugrundstücke oder ein Ausbauen vorhandener Wohnhäuser. Gerade durch die enormen Fortschritte im Holzbau bestehen in der Aufstockung bestehender Gebäude enorme Potenziale für neuen Wohnraum, die deutlich günstiger auszuschöpfen sind als ein kompletter Neubau.
Vor diesem Hintergrund gilt es, diese hier nur grob skizzierten Potenziale eingehend zu prüfen. Gesetzlich vorgegeben ist, dass eine Innenerschließung Vorrang vor weiterem Flächenfraß hat. Hier sind nun Stadtverwaltung und Gemeinderat gefordert. Dies stärkt nicht nur das Ortszentrum und die Attraktivität der Stadt, es schützt wertvolle Naturräume wie das Gewann St. Wolfgang unter der Landstraße. Es kann wertvoller und bezahlbarer Wohnraum für uns geschaffen werden, ohne die ohnehin bereits dezimierten Lebensräume von Flora und Fauna weiter zu gefährden.